Sie sahen sich nur ein Zimmer an
Von familielauke, 16:47Wie die Ämter bei einer 17-jährigen Mutter und ihrem Baby versagten
Von Thomas Mitzlaff Uelzen/Wittingen. Das Verfahren um die Abschiebung einer 17-jährigen Uelzener Mutter und ihres Säuglings in ein Jugendheim nach Sachsen-Anhalt entwickelt sich zu einem handfesten Skandal: Nach Recherchen des IK brauchte das Jugendamt Gifhorn keine Stunde, um mit einer "Schnellprüfung" die Weichen für so einen gravierenden Einschnitt in das Leben einer jungen Familie zu stellen.So lange nämlich dauerte die Besichtigung des künftigen Zuhauses der schwangeren Claudia (Name geändert) und ihres Freundes Dennis. Die Jugendamtsmitarbeiterinnen sahen sich lediglich ein Zimmer des großen Hauses der Schwiegereltern in Wittingen an, in dem die Drei vorerst unterkommen sollten - das reichte für einen negativen und in Teilen auch nicht den Tatsachen entsprechenden Aktenvermerk, der später Grundlage für den Heimaufenthalt war.Das Verfahren ins Rollen gebracht hatte die in Uelzen lebende Mutter des fast volljährigen Mädchens, zu der die Beziehung völlig zerrüttet ist und bei der Claudia schon seit Juni nicht mehr lebt - zuletzt habe die Mutter sogar von ihr verlangt, dass sie das Baby abtreiben solle, schilderte Claudia dem IK.
Die Mutter forderte das Uelzener Jugendamt auf, ihre Tochter und das Baby nach der Geburt in ein Heim einzuweisen - obwohl sie keine Ahnung hat, wie die Lebensumstände der Schwangeren bei deren "Schwiegereltern" in Wittingen sind und Claudia in wenigen Wochen volljährig wird. Das Jugendamt Uelzen bat daraufhin die Gifhorner Kollegen um Amtshilfe - sie sollten prüfen, wie die Familie in Wittingen lebt.
Diese Kontrolle vor Ort dauerte knapp 60 Minuten, sagt Martina Hartwig, zuständige Fachbereichsleiterin des Gifhorner Jugendamtes. "Es war deutlich kürzer, eine Viertelstunde vielleicht", erwidert Dennis. Er und die schwangere Claudia sind an diesem Tag allein zu Haus, die "Schwiegereltern in spe" des 20-Jährigen sind unterwegs.
Von ihrem Blitzbesuch fertigen die Gifhorner Beamten einen Vermerk, dass die Örtlichkeit für einen Säugling unbewohnbar sei. "Das Zimmer war kalt, zugig und nicht beheizt, es war deutlich Zigarettenrauch zu vermerken, es deutete nichts auf die Unterbringung eines Babys hin", fasst Martina Hartwig den Bericht zusammen.
Dass in dem Haus noch die Eltern von Dennis sowie deren Tochter mit drei Kindern leben, dass die 5-, 6- und 11-Jährigen bis heute dort wohnen, dass die Babysachen zahlreich im Schrank liegen und man sich gegenseitig helfen will - all das notierten die Behördenmitarbeiter nicht - schließlich haben sie davon keine Ahnung. "Sie haben auch nicht danach gefragt", sagt Dennis.
Nach dem Besuch doch einmal mit den "Schwiegereltern" in Kontakt zu treten und sich zu erkundigen, wie denn der Alltag der jungen Familie künftig aussehen soll, sieht die Behörde für die Meinungsbildung als nicht erforderlich an. Stattdessen wird aus Gifhorn eine negative Stellungnahme ans Jugendamt Uelzen geschickt. Dort wird daraufhin entschieden, dass Claudia in eine Mutter-Kind-Einrichtung muss, wenn sie ihr Baby behalten will.
Schließlich werden Mutter und Säugling am 16. Oktober direkt aus dem Krankenhaus abgeholt. Es folgt nach Abstimmungsproblemen mit den Uelzener Kollegen die Irrfahrt zu einem Heim bei Gifhorn, dann die Kehrtwende und die Fahrt nach Sprakensehl, wo man Mutter und Kind dem Jugendamt Uelzen übergibt und sie dann in ein Heim im Dorf Polvitz tief in Sachsen-Anhalt fährt -unter anderem um Kosten zu sparen, wie das Jugendamt Gifhorn am Mittwoch erstmals einräumte (IK berichtete).
Quelle : az-online.de


